Agile MVP Entwicklung

Wie genau funktioniert die MVP-Entwicklung? - Quelle: Pixabay.com

MVPs sind in aller Munde. Agile Organisationsmodelle werden insbesondere bei Startups vermehrt genutzt, um schnell auf Veränderungen des Marktes reagieren zu können. Aber auch alteingesessene Unternehmen wie BMW steigen vermehrt auf eine agile Organisationsstruktur um, um flexibler zu werden und besser mit der stetig zunehmenden Veränderungsgeschwindigkeit mithalten zu können.

Grund genug uns mit dem Thema MVP etwas genauer zu befassen. Wir erklären Ihnen hier, was ein MVP eigentlich ist, wie es funktioniert, welche Vorteile es bietet und wie es mit agiler Softwareentwicklung zusammenhängt.

Was ist eigentlich ein MVP?

MVP ist die Abkürzung für ‚Minimum Viable Product‘, was im Prinzip nichts anderes ist als die „kleinstmögliche Produktversion, die bereits einen Mehrwert für den Nutzer bringt“.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass man von Produktversion spricht und nicht von einem fertigen Produkt. Zwar ist ein MVP stets ein potentiell auslieferbares Produkt, es kann aber auch ein kleines Teilprodukt im Sinne eines Entwicklungsschritts eines größeren Produkts bzw. Projekts sein. Selbst wenn es sich bereits um eine auszuliefernde Version eines fertigen Produktes handelt, ist es sehr wichtig zu verstehen, dass mit der Auslieferung des MVP die Entwicklungsphase nicht abgeschlossen ist. Vielmehr geht es darum, über die Erstellung einer Iteration des Produkts Nutzer-Feedback zu erhalten, das dann wiederum in die Entwicklung einfließen kann, um das Produkt stetig zu verbessern.

Dadurch grenzt sich ein MVP deutlich von einem nach dem Wasserfallmodell entwickelten Produkt ab, dem eine lange Planungsphase vorhergeht, an deren Ende die Auslieferung eines fertigen Produktes steht.

Wie hängt die agile Produktentwicklung damit zusammen?

Klassisches MVP – Teemu [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], from Wikimedia Commons

Wenn man sich mit der agilen Softwareentwicklung befasst, bzw. versteht, was agile Produktentwicklung ist, erkennt man sehr schnell, dass diese ohne MVPs kaum denkbar ist. Dies gilt im Speziellen – aber nicht ausschließlich – für die digitale Produktentwicklung.

Im Rahmen der Digitalisierung hat die agile Entwicklung für digitale Produkte einen sehr großen Stellenwert eingenommen, denn es gibt im Vergleich zu klassischen Produkten einen entscheidenden Unterschied: Beim digitalen Produkt können auch nach der Auslieferung und Erstellung des MVP noch Veränderungen, Updates oder Verbesserungen durchgeführt werden. Wenn diese auf Basis von Nutzerfeedback basieren, lässt sich Schritt für Schritt das Produkt genau so verbessern, wie es von den Nutzern gewünscht wird. Der Fokus auf die Probleme des Kunden ist also ein entscheidendes Kriterium eines MVP.

Dieses schnelle Erfassen von Feedback, Korrigieren und erneut Programmieren entspricht auch genau dem Grundsatz der agilen Entwicklung. Beim MVP ist die Entwicklung zyklisch nach dem Build – Measure – Learn Prinzip aufgebaut. Dies trifft auch auf eine agile Organisation zu. Auch hier geht es darum, Projekte schneller umsetzen zu können, die Kommunikation zu verbessern, aus Fehlern zu lernen und sie frühestmöglich zu machen, um sie schnell wieder korrigieren zu können. Die MVP Entwicklung ist daher nur schwer ohne agile Organisation denkbar.

Ein „Minimum Viable Product“ bauen

Ein MVP entwickeln – Quelle: Pixabay.com

Wenn man über agile Softwareentwicklung ein MVP bauen möchte, muss man verstehen, wie minimal überlebensfähige digitale Produkte aussehen können, welche Vorteile sie bieten und wie sie entwickelt werden. Dazu gibt es verschiedene Ansätze wie den Lean Startup Gedanken, bei dem es darum geht, Entwicklungszyklen bei der Unternehmens- und Produktentwicklung zu verkürzen und dadurch schneller zu erkennen, ob ein Geschäftsmodell überhaupt überlebensfähig ist. Genau das spiegelt auch den Grundgedanken des MVP wieder. Prozesse sollen möglichst schlank sein, Ressourcen sollen möglichst effizient genutzt werden und es geht darum, schnell herauszufinden, ob die eigenen Annahmen zum Geschäftsmodell überhaupt zutreffen. Dies lässt sich hervorragend auch auf die Produktentwicklung übertragen.

Eigenschaften des MVP

Man kann den MVP-Gedanken in zwei Betrachtungsweisen unterteilen, denn es gibt zwei verschiedene Denkansätze. Im Wesentlichen beziehen sie sich auf die Unterschiede zwischen digitalem und physischem Produkt. Welche das sind, möchten wir Ihnen hier kurz zusammenfassen:

• Das minimal überlebensfähige Produkt ausliefern

Dieser Grundgedanke liegt beispielsweise auch Plattformen wie Kickstarter oder dem Amazon.de Startup Programm zugrunde. Dabei geht es darum, einen Prototypen mit den wichtigsten Kerneigenschaften an die Kunden ausliefern zu können, um deren Feedback erhalten zu können. Primär sind es die Early Adopter, die ein neues Produkt sehr früh testen möchten, die als Kunden angesprochen werden. Über Verbesserung, günstigere Preise oder eine bessere Produktqualität mit weniger Fehlern soll dann schnell die Early Majority angesprochen werden.
Es geht im Grunde also darum, auf effizientem Wege die weitere Rezeption des Produkts abschätzen zu können.

• Über das MVP die Nachfrage validieren

Hierbei geht es nicht primär um das Produkt, sondern die Überprüfung, ob für ein bestimmtes Produkt überhaupt die erwartet hohe Nachfrage besteht. So kann beispielsweise eine Google Adwords Anzeige für ein Produkt, das es noch nicht gibt, bereits ein MVP sein. Die Anzeige könnte dann auf eine Landing-Page verweisen, auf der sich der Nutzer registrieren kann, wenn er zum Release informiert werden möchte. In diesem Sinne ist hier mit dem MVP noch kein eigentliches Produkt gemeint, sondern eher eine Methode, um die Nachfrage nach einem Produkt zu ermitteln und die Early Adopter anzusprechen.

Letztere Variante ist insbesondere bei klassischen Produkten gegebenenfalls sinnvoll, bei denen die Entwicklung selbst bereits eine Menge Ressourcen verschlingt. Schließlich macht es Sinn, zunächst den Bedarf zu überprüfen, bevor eine neue Art von Schuh oder ein technisches Gerät ausgeliefert wird. Physische Produkte lassen sich im Nachhinein nur schwer verändern, sodass ein physisches MVP – außer im Rahmen von Produkttests und Prototypen – nur wenig Sinn macht. Bei einem digitalen Produkt hingegen geht der MVP-Ansatz meist schon mit der Auslieferung eines MVP einher, denn das Produkt kann jederzeit aktualisiert und verbessert werden. Insbesondere deshalb hat der MVP-Ansatz bei der agilen Softwareentwicklung einen so hohen Stellenwert eingenommen.

Bei der Mischform zwischen digitalem und physischem Produkt – dem phygital Produkt – macht häufig auch eine Mischung der beiden MVP-Ansätze Sinn. Denn die Software des physischen Produkts lässt sich einfach per Update verändern, während der Aufwand, das Produkt selbst erneut auszuliefern, sehr groß ist.

Praxisbeispiel für ein phygital MVP

Vodafone hat im Rahmen der Einführung seiner OTT TV-Box eine Mischung aus beiden Ansätzen verwendet. Bei der Box handelt es sich um eine Smart TV Box, mit der über die Internetleitung Fernsehen geschaut werden kann. Gleichzeitig ist es eine Android Box, auf der sich Apps installieren lassen.

Der MVP-Ansatz wurde hier konkret so umgesetzt, dass Vodafone bereits früh damit begann, Anzeigen für das Konzept zu schalten. Nach der Validierung der Nachfrage – Zielgruppe waren insbesondere Personen auf dem Land, die keinen Kabelanschluss haben – wurde ein Prototyp der Box an einige hundert ausgewählte Tester verschickt. Hier erfolgten anhand von Feedbacks laufend Verbesserungen an der Software. Im Rahmen des Tests erfolgte dann aber zusätzlich auch die Neuauslieferung einer verbesserten Hardware.

Zum Release war Vodafone dann so gut aufgestellt und hatte so viel Feedback eingesammelt, dass die erste Produktversion, die an die Kaufkunden ausgeliefert werden konnte, bereits sehr weit entwickelt war. Hotfixes, fehlerhafte Hardware oder Austauschgeräte wurden daher in großem Umfang nicht mehr benötigt.

Vorteile des MVP

Mit einem MVP lassen sich anfängliche Annahmen zum Produkt, zum Nutzungsverhalten und zur Nachfrage sehr gut und frühzeitig überprüfen. Insbesondere bei digitalen Produkten ist fast alles messbar; Das Nutzerverhalten, die Customer Experience oder auch konkrete Nutzungsdauer und so weiter. Dies eröffnet – bei korrekter Auswertung – sehr viele Möglichkeiten, das Produkt schnell und effizient zu verbessern.

Zudem ist die Entwicklung eines MVP deutlich ressourcenschonender als das Entwickeln eines fertigen Produktes mit allen Features und Eigenschaften. Wenn kundenfokussiert entwickelt wird, kann das Produkt Schritt für Schritt genau auf den Bedarf der Kunden ausgerichtet werden. In einer sich schnell verändernden digitalen Welt umgeht man damit das Risiko, am eigentlichen Kundenproblem vorbei zu entwickeln. Auch wird die Gefahr reduziert, dass sich der Bedarf seit Planung des Produktes und Fertigstellung geändert hat. Dies ist bei Produkten, die nach der Wasserfall-Methode entwickelt wurden, häufig der Fall.

Unterm Strich lassen sich mit einem MVP Zeit, Ressourcen und damit auch Geld sparen. Zudem verkürzen sich die Zeiten enorm, die Time-to-Market wird aktiv verkürzt.

Wie Umfangreich darf’s sein?

Eine häufige Frage im Zusammenhang mit MVPs ist, mit wie vielen Features es denn nun eigentlich in der ersten Version ausgestattet sein soll. Die Frage lässt sich natürlich nicht pauschal beantworten. Man kann aber pauschal sagen, dass in fast allen Fällen der erste Gedanke, wie es aussehen sollte, noch deutlich zu viele Funktionen enthält. Man sollte es so weit runterbrechen, wie nur irgendwie möglich. Ziel ist es, es möglichst schlank zu halten und daran konsequent festzuhalten.

Andernfalls ist der große Vorteil der kurzen Entwicklungszeit schnell dahin und man verursacht zu viele Fehler. Außerdem ist ein wichtiger Grundsatz der „Kill Your Darlings“ Gedanke. Hierbei geht es darum, auch vermeintlich geliebte Features oder Produkteigenschaften fallen zu lassen, wenn das Feedback nicht wie erwartet ausgefallen ist. Im Zweifel sollte man ein MVP auch von Grund auf neu entwickeln, wenn das erste Fundament noch nicht als Basis für das fertige Produkt dienen kann. Auch dies wird umso schwerer fallen, je umfangreicher man die erste Version ausgestaltet hat. Man kann entsprechend zusammenfassen, dass das MVP wahrscheinlich deutlich schlanker sein sollte, als Sie zunächst vermuten würden.

Minimum Viable Product vs. Minimum Lovable Product

Es gibt einen Ansatz, der eng mit der Frage nach dem Umfang der ersten MVP Version zusammenhängt. Dabei geht es darum, dass ein Minimum Viable Product – also ein minimal überlebensfähiges Produkt – doch eigentlich eher ein Minimum Lovable Product sein sollte – also eine minimal mögliche Produktversion, die der Kunde bereits lieben kann.
Dahinter steht der Grundgedanke, dass es für ein MVP wichtig ist, dass es bereits Begeisterung hervorrufen kann. Nichts desto trotz ändert sich je nach Produktart und Komplexität natürlich auch der Umfang. Letztendlich müssen Sie daher für sich selbst herausfinden, wie ein MVP zu Ihrem Produkt aussehen könnte. Aber vielleicht hilft Ihnen der MLP-Gedanke dabei weiter, einen guten Ansatz zu finden.

Agile Entwicklung in klassischer Organisation

Agile Organisationen, die mit Scrum, Kanban, Lean Startup oder einer anderen agilen Organisationsmethode arbeiten, haben es deutlich leichter, ein MVP zu entwickeln, denn es passt praktisch nahtlos in die Organisationsstruktur.

In einer klassischen Struktur sind die Rahmenbedingungen für die MVP-Entwicklung häufig nicht gegeben, sodass es sogar Sinn machen kann, die digitale Produktentwicklung auszulagern (Outsourcing). Wenn das Unternehmen selbst nicht ausreichend agil strukturiert und aufgebaut ist, wird es schwer sein, eine einzelne Abteilung auf eine agile Entwicklung umzustellen. Denn letztendlich müssen bei der Erstellung eines MVP verschiedene Abteilungen innerhalb des Unternehmens fest mit eingebunden werden. Ohne crossfunktionale Teams können nur schwer die richtigen Erkenntnisse aus dem Kundenfeedback gesammelt und umgesetzt werden.

Es kann zwar Sinn machen, über die agile Produktentwicklung den ersten Schritt hin zu einer agilen Unternehmensstruktur zu machen – dennoch wird es nur schwer möglich sein, ein agiles Produkt innerhalb einer klassischen Organisation zu entwickeln. Wird das Unternehmen hingegen über einen externen Dienstleister direkt mit der agilen

Häufige Irrtümer beim Verständnis des MVP

Irrtümer zum MVP – Quelle: Pixabay.com

Wenn es um die erstmalige Entwicklung eines MVP geht, stößt es insbesondere in klassischen Organisationen häufig auf Widerstand. Dies kann problematisch sein, denn ohne volle Unterstützung durch alle Teammitglieder, Entwickler und der Organisation als solches wird die Entwicklung sehr schwierig. Einige der Haupt-Irrtümer, wenn es um die MVP-Entwicklung geht, haben wir hier für Sie zusammengefasst. Dabei können wir vorwegnehmen: Bei allen Punkten handelt es sich um reine Vorwände.

• Ein MVP erfüllt meine Anforderungen nicht

Dieser Vorwand resultiert aus reinem Egoismus. Wer davon ausgeht, dass seine anfänglichen Annahmen stimmen, der versteht natürlich den Sinn des Kundenfeedbacks nicht. Wir empfehlen jedoch dringend, auf die Bedürfnisse und Anforderungen der Kunden zu hören.

• Ein MVP macht die Kunden sauer, weil es nicht perfekt ist

Das ist ein Trugschluss! Das Produkt wird von Early Adoptern genutzt, die mit Begeisterung an der Entwicklung beteiligt sind. Niemand erwartet heute bei einer ersten Produktversion, die man exklusiv testen kann, mehr ein perfektes Produkt. Denken Sie nur an frühe Alpha-Versionen eines Computerspiels. Es gibt eine ganze Reihe von Unterstützern, die für einen Alpha-Zugang zahlen, obwohl das Spiel in einem frühen Stadium ist. Andere wiederum warten lieber auf die fertige Version. Bei einem MVP verhält es sich ebenso.

• Mein Geschäftsmodell ist so stark, dass ich kein MVP brauche

Das mag jetzt stimmen. Allerdings unterschätzt man den Entwicklungsaufwand sehr häufig. Wenn die Entwicklung dann ein oder zwei Jahre dauert, können sich die Anforderungen komplett geändert haben. Die Konkurrenz schläft ebenfalls nicht. Können Sie mit Sicherheit sagen, dass die Nachfrage auch in zwei Jahren noch gleich ist? Das vermag in einer digitalen Welt kaum jemand vorherzusagen.

• Über ein MVP locke ich Nachahmer an

Das mag richtig sein. Das Produkt an sich könnte schnell kopiert werden. Wenn das Produkt aber gut ist und schon einen Nutzen bietet, werden Sie viele Fans und Unterstützer finden. Wenn das Produkt dann kontinuierlich weiterentwickeln, sind Sie der Konkurrenz ständig voraus und bauen schnell eine Kundenbasis auf, die Ihnen niemand mehr wegnimmt.
In diesem Zusammenhang sollte man auch nicht vergessen, dass man mit einem MVP die Vision vom fertigen Produkt verkauft, nicht unmittelbar das Produkt selbst.

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